Johann Friedrich Struensee zeichnete sich durch Menschlichkeit, Toleranz, Mitgefühl und leidenschaftliches Eintreten für Kranke, Aufgegebene, Benachteiligte und Ausgestoßene aus. In seinen Denkschriften forderte und als Staatsminister realisierte er medizin- und sozialhygienische Maßnahmen: Die Reinhaltung von Boden, Wasser und Luft und damit die Vermeidung "kontagiöser Miasmen", Seuchen bei Mensch und Tier. Als Amtsarzt und dann als königlicher Hofarzt Dänemarks bekämpfte er erfolgreich die Krätze, Fleckfieber und Pocken, die "brandige Halsbräune" (Diphterie), Typhus, Cholera und Ruhr, "Lustseuchen", Trunksucht und ... Aberglauben!
Er beschrieb erstmals die Maul- und Klauenseuche der Rinder und deren Vermeidung. Struensee begründete eine rationale Medizin, stellte ein Arzneimittelbuch fertig, belehrte Quacksalber und Bader und vertrieb gewissenlose Kurpfuscher. Er führte die Schutzimpfung gegen Pocken ("Variolation") in Altona und - gegen Widerstand von Ärzteschaft und Klerus - auch in Hamburg ein. Das verkommene Waisenhaus, das "Hiobshospital Altona", die "Irrenanstalt" und Gefängnisse wurden von ihm reformiert und humanisiert, Hebammen-, Medizin- und Veterinärschulen und Impfanstalten begründet.
Struensee reformierte das Schul- und Krankenhauswesen, wandelte leer stehende Kirchen in Hospitäler um, verbot die öffentliche Bestrafung lediger Mütter am Pranger, schaffte Pressezensur, Prügelstrafen und Folter ab und milderte die Strafgesetze. Zunächst in Altona und Holstein, dann in ganz Dänemark hob er die Leibeigenschaft der Bauern auf, begegnete dadurch wirksam der Landflucht und verbot den Sklavenhandel in den Kolonien.
Struensee verkündete Gleichheit und Gedankenfreiheit aller Staatsuntertanen vor dem Gesetz. Mit den Reformen, die nach seinem Sturz zum großen Teil wieder abgeschafft wurden, hat Struensee auf unblutige Weise die Idee der Französischen Revolution und der Deutschen Aufklärung vorweggenommen.
Literatur über das Leben von Johann Friedrich Struensee:
Stefan Winkle: Johann Friedrich Struensee. Urban & Fischer, Stuttgart 1989
Paul Barz: Der Leibarzt des Königs. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 2002
Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes. Fischer, Frankfurt 2003